Mitgliederbereich der E.N.S.I.G.N. OHG

Wie Mikronährstoffe die Schmerztherapie unterstützen können.

Mikronährstoffe werden in der Schmerztherapie leider bisher selten eingesetzt, obwohl sie in diesem Bereich wichtige Aufgaben erfüllen können. Sie können zur Schmerzbekämpfung eingesetzt werden, Nebenwirkungen reduzieren und sogar die Medikamentendosis verringern.

Wir entstehen Schmerzen

Schmerz entsteht in den Schmerzsinneszellen, dabei handelt es sich um freie Nervenendigungen, die auf thermische, mechanische oder chemische Reize reagieren. Darüber hinaus gibt es Schmerzmediatoren die das Schmerzempfinden erhöhen können. Hierzu zählen die Prostaglandine, Bradykinine und das Serotonin. Aber auch Sauerstoffmangel, oder Veränderungen des pH-Wertes können das Schmerzempfinden verstärken.

Unser zentrales Nervensystem verarbeitet und interpretiert den Schmerz, der immer eine Reaktion im Organismus auslöst. Auch wenn er als unangenehm eingestuft wird, dient der Schmerz dem Schutz unseres Körpers vor einer Schädigung. Ein durch Unfall beschädigtes Gelenk schmerzt, damit es entlastet wird und so gravierende Folgeschäden zu vermeiden.

Oftmals werden im Bereich der Schmerztherapie Medikamente verabreicht, die zu Nebenwirkungen führen. Das ist nicht immer notwendig, denn Mikronährstoffe sind eine nebenwirkungsfreie Therapiealternative bei Schmerzen. Die wichtigsten für die Schmerztherapie erforderlichen Vitalstoffe möchten wir im Folgenden gerne vorstellen.

Der Mikronährstoff Coenzym Q10 hilft bei Kopfschmerzen und Migräne

95 Prozent der Energiebildung in den Mitochondrien ist vom Coenzym Q10 abhängig. Schon ein Verlust von wenigen Prozent an diesem Vitaminoid vermindert die körperliche Energiebildung deutlich und der Organismus verliert seine Widerstandsfähigkeit gegen Erkrankungen. Die Energiebildung beeinflusst auch die Bildung von hemmenden oder stimulierenden Überträgerstoffen der Nervenzellen, die die Schmerzintensität und das Schmerzempfinden maßgeblich beeinflussen können. Diese Überträgerstoffe werden in bestimmten Zellorganellen, dem sogenannten Golgi-Apparat gebildet und dann unter Energieverbrauch aus der Zelle geschleust. Coenzym Q10 stellt über die Atmungsketten-Phosphorylierung den Energiebedarf sicher und sorgt für die nötige Fluidität an der Zellmembran, damit die Botenstoffe ausgeschleust werden können. Bei einem Mangel des Mikronährstoffs Coenzym-Q10– fehlen häufig die Schmerzempfindung hemmenden Botenstoffe, so dass sich eine gute Coenzym-Q10-Versorgung schmerzreduzierend auswirken kann.

Erfahrungen aus der eigenen Praxis belegen diesen Zusammenhang. Ungefähr 80 Prozent der Patienten, die bei einem banalen Kopfschmerz auf Medikamente wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen verzichten, berichten von einem schnellen sistieren der Schmerzen, wenn einmalig 100 mg Coenzym Q10 eingenommen werden.

Aber auch bei der Behandlung der Migräne scheint Coenzym Q10 eine gute Therapieoption zu sein. Auch hier reagieren gut zwei Drittel der Migränepatienten sehr gut auf die Behandlung mit Coenzym Q10.

Fallbeispiel

Eine 43-jährige Patientin stellte sich wegen chronischer Migräne in der Praxis vor. Die Patientin gibt an, seit zirka dem Beginn der Pubertät an chronischer Migräne zu leiden. Derzeit hat sie vier bis sechs Migräneattacken pro Monat. Da diese Anfälle in der Regel zwei bis drei Tage anhalten, ist sie nicht arbeitsfähig. Die Patientin wird mittels Triptanen und NSAR behandelt. Zunächst wurden der Patientin 2×100 mg Coenzym Q10 empfohlen. Schon nach kurzer Zeit berichtete die Patientin, dass die Migräneattacken nun deutlich besser zu ertragen waren und weniger Medikamente eingesetzt werden mussten. Zur Optimierung der Therapie wurde die Dosis auf 300 mg Coenzym Q10 am Tag gesteigert. Dadurch ist nicht nur die Schmerzempfindung deutlich verbessert worden, sondern die Anfall Häufigkeit liegt jetzt nur noch bei ein bis zwei Migräneattacken im Quartal.

Der Mikronährstoff Selen ist an der Schmerzverarbeitung beteiligt

Selen ist an der Funktion von 21 sogenannten Selenoproteinen beteiligt. Viele dieser Selenoproteine sind an der Schmerzverarbeitung beteiligt. So hängt bei Schmerzpatienten die Serotoninproduktion auch von einer ausreichenden Zufuhr an Selen ab. Gerade Serotonin wird bei chronischen Schmerzpatienten sehr stark verbraucht. Ein Serotoninmangel steigert jedoch das Schmerzempfinden und fördert eine depressive Grundstimmung.

Selen ist auch Bestandteil des wichtigsten endogenen Antioxidans-Systems des Menschen, der Glutathionperoxidase (GPS). Die GPS neutralisiert die hochaggressiven Hydroxyperoxid- und diverse Sauerstoffradikale. Diese entfalten ihre schädigende Wirkung vor allem im Mikrobiom Darm. Eine Schädigung des Mikrobioms ist bei Schmerzpatienten, die an chronischen oder schwersten Schmerzen leiden, fatal. Diese Menschen benötigen oft Schmerzmedikamente vom Opiat Typ. Eine häufige Nebenwirkung dieser Medikamente ist eine Darmträgheit bis hin zum Darmverschluss. Diese Komplikation geschieht umso schneller und stärker, je höher der oxidative Stress im Mikrobiom Darm ist. Eine Reduzierung des oxidativen Stresses im Darmtrakt fördert unter der Opiattherapie die Darmmotilität und verbessert den Behandlungserfolg. Ein Fallbeispiel soll verdeutlichen, warum Selen ein geeigneter Mikronährstoff in der Schmerztherapie ist.

Fallbeispiel

Ein 47-Jähriger Patient mit positiven progredienten Morbus Bechterew ist zur Schmerzbekämpfung auf die regelmäßige Applikation von Fentanyl-Schmerzpflaster angewiesen. Dies führt in der Regel zu Darmträgheit bis hin zum paralytischen Ileus. Seit der Patient 200 µg organisches Selen, verteilt auf zwei Einzeldosen, einnimmt, sind Ileus ähnliche Zustände nicht mehr aufgetreten. Durch den zusätzlichen Einsatz von Coenzym Q10 und anderen Vitalstoffen hat sich das Schmerzempfinden insgesamt reduziert und der Patient kann wieder am sozialen Leben teilhaben.  

Vitamin D unterstützt die Schmerzreduktion

Ein Mangel an Vitamin D ist mit einer Vielzahl verschiedener Schmerzerkrankungen assoziiert. Hierzu zählen Cephalgie, Fibromyalgie, alle Formen von Gelenkschmerzen und vor allem die chronische Lumboischialgie. Ein dauerhafter Vitamin- D-Mangel führt zu einer erheblichen Schädigung des Immunsystems, das in der Folge zu extrem starken Schmerzen führen kann. Davon betroffen sind besonders Menschen mit Schmerzen aufgrund einer Autoimmunerkrankung, wie z.B. rheumatoide Arthritis oder Menschen mit neuropathischen Schmerzen aufgrund einer Multiplen Sklerose. Mittlerweile haben viele Patienten mit Multipler Sklerose aus dem eigenen Kollektiv Vitamin D und andere Vitalstoffe supplementiert und reagieren mit einer deutlichen Schmerzreduzierung und einer Reduzierung der Schubhäufigkeit.

Magnesium lindert muskuloskelettale Schmerzen

In der Schmerztherapie ist Magnesium ein wesentlicher Mikronährstoff. Magnesium setzt die Erregbarkeit von Muskeln und Nerven herab. Es beeinflusst die Erregungsleitung und reguliert die Muskelkontraktionen der Skelettmuskulatur, des Herzens, der Blutgefäße und der Gebärmutter. Magnesium sorgt für ein entspanntes Funktionieren aller Muskelzellen, sowie des zentralen Nervensystems. Aufgrund seiner Funktionsweise ist Magnesium bei allen Formen von muskuloskelettalen Schmerzen lindernd wirksam.

Fallbeispiel:

Eine 53-jährige Patientin klagt seit Jahren über unspezifische diffuse Schmerzen im rechten Oberschenkel. Trotz aufwendiger Untersuchungen konnte keine Ursache eruiert werden. Die Patientin wurde daraufhin probatorisch mit 2×200 mg Magnesium am Tag versorgt. In der Folge kam es zu einem kontinuierlichen Rückgang der Schmerzen bis hin zu einer völligen Schmerzfreiheit. Auch nach Monaten hält diese immer noch an. Als die Patientin die tägliche Magnesium-Zufuhr einstellte, kamen schon nach drei Tagen die Beschwerden wieder zurück.

B-Vitamine wirken bei neuropathischen Schmerzen

Die wasserlöslichen B-Vitamine sind in vielfältiger Hinsicht für alle Nervenfunktionen in unserem Körper zuständig. Es verwundert daher nicht, dass sie vor allem bei sämtlichen Formen der neuropathischen Schmerzen und auch bei der sehr häufigen Polyneuropathie wirksam sind.

MSM, der Mikronährstoff für Gelenkschmerzen

Als Bestandteil von Chondroitinsulfat spielt Schwefel eine Rolle für die Stabilität des Gelenkknorpels. In der Schmerztherapie wird der Vitalstoff MSM mit oder ohne Chondroitin gerne empfohlen. Akute oder massive Schmerzlinderungen sind allerdings nicht die Domäne von MSM. Vielmehr scheint sich bei langfristiger Einnahme die Gelenksituation zu stabilisieren, so dass es langfristig zu einer Schmerzreduktion kommen kann.

Der Mikronährstoff Pycnogenol lindert rheumatische Schmerzen

Hierbei handelt es sich um eine komplexe Mischung aus über 1000 verschiedenen Phytofaktoren und Bioflavonoiden , aus der Rinde der französischen Meereskiefer. Die analgetische Wirkung besteht vor allem bei Schmerzen durch Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises.

Die Wirkung beruht in einer Reduzierung der Schmerzvermittelnden COX Enzyme. Gemäß einer randomisierten Studie konnte nach drei Monaten Therapie eine Reduzierung der Schmerzen um 43% erreicht werden, auch die Gelenksteifigkeit verringerte sich um 35%[1].

Vitamin K kann Schmerzen bei Athritis lindern

Das Vitamin-K2-abhängige Periostin vermindert Kalkablagerungen in der extrazellulären Matrix von Weichteilgeweben, wie Knorpel und sorgt so für deren Elastizität. Bisher gibt es nur wenige Studien dazu. Ein Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-K-Status und Osteoarthritis in Hand und Knie konnte jedoch in einer Beobachtungsstudie festgestellt werden[2].

FAZIT: Mikronährstoffe sind eine Möglichkeit, um Schmerzen zu reduzieren und sollten als nebenwirkungsfreie Therapie häufiger Beachtung finden.

 

[1] Farid R, Mirfeizi Z, Mirheidari M, et al. 2007; SVOS. 2008

 

[2] Neogi, et al., Low vitamin K status is associated with osteoarthritis in the hand and knee. Arthritis